Ich finde nicht nur, wir sollten unsere kleinen Erfolge mehr feiern, sondern auch richtig gute Fehler!
In meinen Workshops bestehe ich darauf, zu würdigen, wenn ein Teilnehmer wirklich mutig war. Und sich getraut hat, einen neuen Ansatz einfach auszuprobieren. Gerade wenn das streckenweise daneben gegangen ist. Fehler zu machen und sie bewusst wahrzunehmen ist ein Lernbeschleuniger, der sich sogar auf andere überträgt. Sowohl der Lerneffekt als auch der Mut.
Gerne liegen die richtig guten Varianten im Windschatten des grandiosen Scheiterns verborgen. Im mutigen Ansatz kann man leicht daneben liegen, dann aber ein Gefühl für dieses Neuland entwickeln und nachsteuern. Sich nicht nur trauen sich rauszuwagen, sondern Lust daran entwickeln, mit frischen Ansätzen und neuen Ideen zu experimentieren. Dann lässt sich das auch besser integrieren in das, was schon da ist und bereits trägt. Die Basissäule verschwindet in der Regel nicht. Selbst wenn wir sie weniger wahrnehmen, in Momenten, in denen wir ein Risiko eingehen.
Mit der entsprechend spielerischen Retrospektive lässt sich einfach mehr Leichtigkeit ins Lernen bringen. Und das schließt analytische Genauigkeit keineswegs aus.
Oft werde ich gefragt, wie man seine Schlagfertigkeit verbessern kann. Mir gefällt da weder das Schlagen noch das Fertige. Denn ich merke immer, wenn man mich mit einer abgestandenen Konserve abspeist. Wenn Menschen schneller und überzeugender werden wollen, sowohl darin, gute Antworten zu geben als auch im Argumentieren, gibt es dafür keine fixe Formel. Und sollte ich eine nennen, dann würde ich sagen, es braucht drei Dinge: Die richtige Haltung und – tut mir leid für alle, die das über Nacht lernen wollten – gutes Training. Also auch noch Zeit. Und unsere geistige und rhetorische Flexibilität können wir selber fördern.
Da lässt sich z.B. viel von Komikern lernen. Um das eigene Improvisationstalent zu steigern, muss man erstmal die Filter runterfahren und den Spieltrieb hochfahren.
Dafür empfehle ich ein Format, das ich „Hätte, hätte, Fahrradkette“ nenne. Genau an all den Stellen, wo wir uns sonst ärgern. Darüber, was wir wieder nicht gesagt haben und was uns leider erst 5 Minuten, 5 Stunden oder 5 Tage später eingefallen ist. Perfekt! Dort ansetzen und los gehts. Diesmal statt ärgern lieber freuen: Denn wo diese Idee herkommt, da wohnen weitere! Dann aber bitte gleich gründlich forschen, was uns in der Situation noch alles geholfen hätte. Und das breite Spektrum an Antworten oder Reaktionen studieren. Was wäre eine wirklich witzige Antwort gewesen? Eine brutal ehrliche, eine elegante, eine maximal knappe, eine gelassene? Eine, die mir im besten Sinne enstpricht?
Oft geht es natürlich um belastende und stressige Situationen, die wiederkehren. Um so wichtiger ist es, außerhalb dieses Kontextes neue Möglichkeiten zu ergründen. Gerne auch mit einem produktiven Gegenüber, um neue Impulse zu bekommen. Meine Erfahrung ist, dass diese Methode sehr wirkungsvoll das innere Repertoire erweitert. Und, in absehbarer Zeit, im Ernstfall überraschend mehr Agilität zur Verfügung steht. Und damit eine größere Reaktions-Varianz. Auch, weil sich im Unbewussten diese Erfahrung setzt: Es gibt diese Ressource in mir.
In der Ruhe, hinterher oder vorher, ist der beste Zeitpunkt, um bewusst Entscheidungen zu fällen. Wie möchte ich mit Fragen oder Angriffen umgehen? Woran will ich festhalten, selbst wenn ich überrascht werde. Und damit kommen wir zur Basis. Und das ist die innere Haltung, die Einstellung, mit der man in die Situation geht. Wie möchte ich agieren? Was ist meine Rolle? Wofür stehe ich, was ist mir wichtig? Daraus leitet sich auch die Klarheit über das eigene Ziel ab; die sich dann auf die Haltung übertragen kann.
Im Jobkontext erhöht eine Service- oder Leistungs-Haltung eher den Druck. Das Ziel ist dann, möglichst schnell eine qualifizierte Antwort abzuliefern. Die Person ist so fokussiert auf sich und ihre Leistung, statt im Dialog, mit dem Blick fürs Ganze. Verlässlich bessere Ergebnisse bringt eine neugierige, fragende Grundhaltung. Wenig überraschend ist also der erste Schritt zu einer guten Antwort gutes Zuhören. Worum geht es dem Anderen, was nehme ich noch wahr, was nicht gesagt wird. Dabei den Kontext einbeziehen. Und dafür entsprechend Zeit nehmen. Oft sind das nur Bruchteile länger. Das gibt dem Gehirn aber die notwendige Zäsur, um verarbeiten zu können. Und verhindert automatisierte Antworten und Reaktionen. Ich erlebe, dass oft viel zu schnell Antworten rausgeschossen werden oder schonmal los geredet, während parallel weiter gedacht und Zeit gekauft wird. Das führt leider nur selten zu mehr Klarheit.
Dieser kleine Moment mehr Zeit, er kann den Unterschied ausmachen für eine klare Antwort. Er ermöglicht die Sortierung der Gedanken und Optionen. Und gibt Raum für die Entscheidung, wie und ob überhaupt reagiert werden soll. Im Zweifelsfall lieber nochmal nachfragen oder einfach durchatmen, bevor schnelle Lösungen serviert werden. Greifen könnte an dieser Stelle auch die Reduktionsfähigkeit. Eine weitere Kompetenz, die sich trainieren lässt.
Übrigens: Auch was das aufmerksame Zuhören oder Stimmungen-lesen angeht, können wir von Comedians lernen. Die nehmen auf, was sie hören, binden das in ihr Thema ein und setzen es damit in Beziehung zueinander. Der Assoziativ-Muskel zielt immer darauf, Dinge miteinander in Verbindung zu setzen, also übergreifend zu denken und Muster schnell zu erkennen. Und so, wie wir unseren Wortschatz vergrößern können, lässt sich auch unser Reaktionsschatz erweitern. Diese Wachheit und Beweglichkeit ist reine Übungssache.
Es braucht natürlich auch eine gewisse inhaltliche Substanz. Ich werde immer mal wieder gefragt, wie man bei totaler Ahnungslosigkeit überzeugen kann. Auch dafür gibt es Tricks und Training. Aber ich bevorzuge inhaltlich gute Vorbereitung und Transparenz in den Grenzen. Mir ist es lieber, jemand sagt, was er nicht weiß – als durch Behauptungen abzulenken oder zu verwirren. Zu sagen, was man nicht weiß, signalisiert außerdem Selbstvertrauen.
Jetzt noch mal in Kurzform: Zur Förderung des geistigen Tempos unter Druck braucht es den spielerischen Ansatz im Training. Über die Qualität der Antworten und Argumente entscheiden in der akuten Situation, die Haltung, die ich wähle und die Zeit, die ich mir nehme. Die Expertise setze ich als gegebene Voraussetzung. Und so wird dann aus dem berühmten Raum zwischen Reiz und Reaktion meine eigene Freiheit.
So, jetzt habe ich doch eine Formel rausgegeben. Die fordert nur etwas Einsatz. Unter anderem die Auseinandersetzung mit sich selbst. Ist aber ’ne richtig gute Investition.
Fast so gut wie gute Fehler!
