Fühltoleranz
Es fehlt an Fühltoleranz. Oder Geduld für Prozesse.
Das fängt schon an mit der Verständnisfalle. Ich habe etwas erkannt, dann muss es auch gleich wirken. Direkt gefolgt von: warum krieg ich es nicht hin, ich habe es doch verstanden. Als wäre Umsetzung ein rein logischer Schritt.
Als Resilienztrainerin forsche ich gerne gründlich. Vor allem, wenn der Stress oder die unkomfortablen Gefühle einfach weg sollen.
Dann sitze ich vor Menschen, die sich wundern oder geradezu verärgert sind, dass das Gefühl immer noch da ist. Oder die sich schon so sehr daran gewöhnt haben, dass es zu einem kaum noch spürbaren Dauerrauschen geworden ist. Dann gerät der Fokus auf die Symptome. Warum fehlt es plötzlich an Motivation. An Spaß an der Arbeit oder – warum ist die Müdigkeit so stark? Dann geht der Ärger möglicherweise nach innen und die Erwartungshaltung an sich selber steigt. Oder Menschen richten sich häuslich im Frust ein.
Und dann soll an der Motivation gearbeitet, der Spaß oder Sinn wiederentdeckt werden. Oder Methoden sollen den Stress verlässlich regulieren. Was aber, wenn das Gefühl eine Information ist?
Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung ist die Anerkennung dessen was ist.
Dazu gehört die Einsicht, dass dauerhafte Überlastung kein Normalzustand ist. Das Grundbedürfnisse nicht dauerhaft weg reguliert werden können. Ohne Folgen. Die dann eher als Symptome behandelt werden statt als Signale. Deshalb spreche ich jetzt einfach von einer Verletzung, zum Beispiel der erlebten Autonomie. Wenn das eigene System lange Zeit im Notstrommodus agiert, werden viele Signale gar nicht mehr wahrgenommen, sondern gewohnheitsmäßig übergangen. Und als lästig empfunden.
Irgendwann ist dann ein Punkt erreicht, wo mehrere Warnlampen gleichzeitig rot leuchten, im Geist und im Körper. Und dann soll bitte dringend der Stress weg, die Motivation zurück und der Körper wieder mitspielen. Wenn aber Verletzungen auf dem Weg stattgefunden haben, ist der Umgang damit ein Teil vom Regenerationsprozess. Und das lässt sich weder überspringen noch auf dreifache Geschwindigkeit drehen, wie langatmige Textnachrichten per WhatsApp. Vielleicht gibt es da auch ein Missverständnis, was Professionalität ausmacht. Für mich ist die Entscheidung, was ich zeige und wie ich mit Konflikten umgehe, eine andere Ebene als die dazugehörigen Emotionen wahrzunehmen oder zu würdigen. Und dafür auch Raum zu nehmen.
Überlastung oder Verletzung werden sonst tapfer im Vorbeigehen weggesteckt. Vor allem, wenn das in der Umgebung kulturell so angelegt ist. Damit werden auch innere Warnungen ignoriert und gewohnheitsmäßig Grenzen überschritten, zugunsten des Funktionierens. Es kommen aber noch weitere Kosten dazu. Wenn wir aufkommende Ängste kompensieren, wird als Nebeneffekt oft auch der Instinkte und damit gesunde Impulse gezügelt oder unterdrückt. Der Druck entlädt sich stattdessen geballt an überraschenden Stellen. Gerne steigt dann die allgemeine Konfliktrate. Oder der Druck wird nach Innen verlagert. Und dann erkranken Menschen.
Ich habe High-Performer nach überstandenem Burnout erlebt, die sich dann wunderten, warum sie plötzlich Traurigkeit oder große Leere empfinden. Obwohl äußerlich doch jetzt vermeintlich alles gut war. Und sie wieder in sicherem Fahrwasser. Gesucht wird dann nach einer Erklärung. Aus meiner Sicht geht es um Akzeptanz. Diesen Nachhall dessen, was lange nicht gefühlt oder zugelassen werden konnte, auszuhalten. Die Nachwirkungen vom erfolgreichen Verdrängen. Das Durchhalten in Krisenzeiten ist natürlich eine wertvolle Kompetenz. Aber der physische oder emotionale Dispo, der in dieser Zeit aufgenommen wird, fordert irgendwann Zinsen.
Wenn immer keine Zeit zum Fühlen ist, hat es Auswirkungen auf die Kontaktfähigkeit. Ob es der Kontakt zu uns und unserem Körper ist oder der zu anderen Menschen. Ich wünsche mir, dass an der Stelle mehr investiert wird, diesen Kontakt wieder herzustellen, statt sich an Symptomen abzuarbeiten. Die dann manchmal zum Scheingegner werden, dabei sitzt der Widerstand ganz woanders. Wer Gefühle abspaltet oder abschaltet, verliert darüber sowohl Selbstschutz als auch den Sinn für das Wesentliche. Und dann werden Form und Funktionieren zur Priorität. Auch das sind natürlich gesellschaftliche und kulturelle Prägungen.
Ich habe den Eindruck, dass wir nicht nur zu wenig Toleranz haben für Emotionen, sondern auch für Trauerprozesse. Da fehlt es aus meiner Sicht an gesellschaftlicher Akzeptanz und ganz praktisch an unterstützenden Ritualen. Die fehlen in unserer Kultur einfach. Viel zu schnell wird dann in den pathologischen Bereich verschoben oder das Thema unbehaglich ausgegrenzt. Dieser Teil wird dann rausgefiltert, zugunsten der Anpassung. In unserer Gesellschaft ist es viel wichtiger, dass man es gut erklären kann und es dafür eine Maßeinheit gibt, an die man mich hält. Dazu wird der Bruch, die Verletzung oder der Trauerfall nach Bedeutsamkeit eingestuft. Als könnten wir wirklich objektiv beurteilen, was andere Menschen im Kern trifft. Dazu gibt es noch Gefühle, die geschlechterspezifisch mehr oder weniger Anerkennung finden. Wer überhaupt wütend oder traurig sein darf.
Die Wut hütet aus Sicht der Resilienz unsere Werte. Und die Trauer unter anderem die Werte-Erinnerung. Ich finde es also absolut relevant sich anzuschauen, ob wichtige Werte in einem Kontext immer wieder oder sogar chronisch und dauerhaft verletzt werden. Und auch viel interessanter und informativer, als sich über Situationen und Details endlos aufzuregen. Was ärgert oder schmerzt ganz konkret? Wer das genau anschaut, kann auch eine klare Entscheidung fällen, wie er damit umgehen möchte.
Jetzt nehmen wir mal ein berufliches Szenario, wo der Posten oder die Förderung an eine andere Person geht. Natürlich versteht man, dass das treffen kann, dennoch wird eher eine sachliche oder sportliche Haltung erwartet als bei einer Enttäuschung im Privaten. Was aber, wenn vorher schon einiges vorgefallen ist, das Negativ erlebt wurde? Wenn die Entscheidung unfair wirkt? Und der eingebrachte Einsatz aus der eigenen Perspektive immer weniger Sinn ergibt? An solchen Weichenstellen habe ich schon Menschen etwas sehr Wichtiges verlieren sehen. Vertrauen. Oder Hoffnung.
An der Stelle erleben Menschen Verletzungen von Grundbedürfnissen; ganz unabhängig davon, ob es beruflich oder privat eingestuft wird. Nur im Beruflichen rechnen wir weniger mit der Trauer. Die wird dann weggedrückt und mit Haltung getragen. Obwohl Vertrauen verloren gegangen ist, aufgrund fehlender Transparenz oder Wertschätzung. Oder die Hoffnung, weil Gestaltungsspielräume kleiner geworden sind. Gerade bei Menschen, die gestalten wollen. Menschen, die sich wenig mit ihrer Arbeit, dem Team oder dem Unternehmen verbunden fühlen, gehen eher in die innere Kündigung. Oder rutschen in einen diffusen Frust, der zu einem Schutzschild wird. Denn mit einer negativen Erwartung kann man auch weniger enttäuscht werden. So geht schleichend der Kontakt zu sich selbst verloren oder das Gefühl von Zugehörigkeit. Stattdessen wachsen Zweifel.
Verspäteten Schmerz können auch Menschen erfahren, die ihre Werte über längere Zeit durch eigenes Verhalten veräußert haben. Unabhängig davon, ob sie sich dem Umfeld angepasst haben oder eben die Zeit oder der Mut zum Fühlen fehlte. Ich wurde gefragt, wie es sein kann, dass nach vielen Jahren plötzlich Scham aufkommt. Für etwas, das lange her ist und eigentlich keine Rolle mehr spielt. Meine These war, dass sich da die eigene Werte-Identität verspätet gemeldet hat. Es gibt 5 Sorten von Scham und die Gewissensscham hütet die eigene Integrität. Bevor zu lange nach einer Begründung oder dem Sinn gesucht wird: Gefühle haben Funktionen. Trauer löst, bringt uns in Erinnerung, was uns wichtig ist.
Und manchmal ist das Fühlen schon die Antwort.
Ich kann da nur ermutigen und sagen: Das muss gar keine große Sache sein. Verdrängung ist eigentlich viel aufwändiger und kräftezehrender. Das Wahrnehmen in Echtzeit braucht unsere Fühltoleranz. Unangenehme Gefühle zulassen und zu akzeptieren, trägt zur Lösung bei. Anerkennen, wo etwas noch Zeit zum Verarbeiten braucht. Wann es konkrete Auseinandersetzung braucht mit dem worum es eigentlich geht. Oder erkennen, wo eine Grenze, eine Entscheidung dringend getroffen werden muss. Wie gesagt, machmal geht es nur darum, das Gefühl wahrzunehmen und anzuerkennen, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt natürlich auch das Gegenextrem, sich in Gefühlen aufzuhängen. Was auch wieder kein Prozess ist, sondern Stagnation. Und solche Schlaufen signalisieren in der Regel, dass mit etwas tiefer liegendem nicht umgegangen wird. Alte Blockaden und Überzeugungen, innere Ohnmacht oder eine Gewöhnung an diesen Fühlraum.
Ein Prozess lässt sich besser durchlaufen, wenn darin der Kontakt zu sich selbst bestehen bleibt. Und dafür brauchen wir den Kontakt zum Gefühl. Um wertvolle Impulse wahrzunehmen und dem Handeln vielleicht eine neue Richtung zu geben. Das führt letztendlich zu besseren Entscheidungen. Und das gilt wieder im Beruflichen wie im Privaten.
Warum spreche ich darüber? Ich glaube das ist wieder eine Sache, die wir nur zusammen schaffen können. Indem wir das bewusster fördern. Auch indem wir das leben.
